Ein Brief in die Heimat
Lieber Ning,
Berlin den 1. Oktober
lange habe ich dich auf eine Antwort warten lassen, aber jetzt habe ich mir gesagt: „Heute muss der Brief geschrieben werden.“
Du hattest Recht, das Essen hier ist für uns Chinesen etwas merkwürdig, wie auch das Wetter. Zu fast allen Mahlzeiten wird Brot gegessen und an zwei von drei Tagen regnet es. Trotzdem werden die Kinder alle sehr groß, aber das wird nicht nur mit Wasser und Brot erreicht. Auch Kartoffeln werden sehr gern gegessen. Aber keine Angst, du kannst hier schon satt werden. Und zwar sehr schnell!
Aber was die Deutschen beim Essen vernachlässigen, das wird beim Wohnen besser gemacht. Ich wohne jetzt in einem Studentenheim. Das ist wirklich nicht schlecht: Ich habe eine kleine Ein-Zimmer-Wohnung für mich allein, und der Preis kann auch von einem normalen Studenten bezahlt werden (so 150 Euro bis 200 Euro pro Monat zurzeit.) Natürlich gibt es auch Probleme zwischen Deutschen und Ausländern, besonders jetzt, weil einige Deutsche glauben, dass die Universitäten von Ausländern überschwemmt werden.
Aber bei der Zusammenarbeit mit ihnen, z B. in einer studentischen Arbeitsgruppe, oder wenn du mit ihnen mal persönlich zu tun hast, kannst du leicht hilfsbereite und freundliche Leute finden. Du musst dich jedoch daran gewöhnen, dass sie immer wenig Zeit haben. Und da sie selten Zeit haben, wird sogar für jedes private Treffen ein „Termin“ gemacht. Das ist für uns seltsam, aber es ist nicht unfreundlich gemeint, es ist hier eben so.
Das Studium ist sonderbar organisiert, alte Traditionen, wie die „akademische Freiheit“ der Studenten und moderne Prüfungsvorschriften sind einfach gemischt worden. Du musst also deinen Weg durch dein Studium alleine finden, und es wird dir nicht gesagt, was du in diesem oder dem nächsten Semester studieren sollst. So studiert jeder für sich allein. So kann, glaube ich, die tägliche Unhöflichkeit und Unpersönlichkeit der Studenten untereinander erklärt werden. Lieber Freund, ich hoffe, dass du durch meinen Brief nicht zu sehr erschreckt wirst. Für jetzt möchte ich schließen, der Brief muss heute noch zur Post. Vergiss bitte nicht, unsere Freunde zu grüßen!
Bis zum nächsten Mal
Deine Xiaoming