单选题
Unsicherheitsvermeidung-Eine andere Betrachtung der deutschen Kultur
ausgehend von den Theorien Geert Hofstedes
Viele ausl
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ndische Beobachter behaupten, dass Deutschland ein autorit
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res und hierarchisches Land sei. Sogar diejenigen Ausl
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nder, die schon l
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ngere Zeit in Deutschland leben, k
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nnen viele Geschichten erz
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hlen, wenn es um die deutsche Vorliebe für Autorit
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t geht. Diese Erlebnisse drehen sich oft um klassische Stereotypen und Situationen: humorlose Bürokraten, die mit Bu
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geld drohen, wenn man nach einem Umzug seinen Wohnort nicht rechtzeitig ummeldet; Nachbarn, die vorschreiben wollen, wo man die W
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sche aufh
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ngen soll oder wann man die Kinder ins Bett bringen muss. Ein Brite erz
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hlte ver
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rgert:
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In den USA ist es üblich, dass ein neuer Nachbar freundlich begrü
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t oder eingeladen wird. Hier bekommt man als erstes zu h
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ren: Sie dürfen hier nicht parken!
“
Wissenschaftliche Studien über Deutschland kommen jedoch zu einem anderen Urteil und betonen die fortgeschrittene Demokratisierung in vielen Bereichen der Gesellschaft. Im Gegensatz zu Frankreich gibt es in Deutschland keine
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Grandes Ecoles
“
, d.h. Eliteschulen, deren Ziel es war und ist, eine privilegierte herrschende Schicht in Wirtschaft und Politik auszubilden. Deutschland ist eine Gesellschaft der Mittelklasse, in der die soziale und berufliche Mobilit
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t als selbstverst
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ndlich und für jedermann m
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glich betrachtet wird. In der Familie und Schule hat sich ein Erziehungsstil durchgesetzt, der nicht mehr auf Gehorsam und Unterordnung, sondern vor allem auf die Selbst
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ndigkeit und Gleichberechtigung der Kinder zielt.
Wenn aber Deutschland kein autorit
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res Land ist, wie erkl
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ren sich dann die Erfahrungen so vieler Ausl
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nder, von denen anfangs die Rede war? Es ist hilfreich, in diesem Zusammenhang noch andere Vorwürfe zu erw
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hnen, die den Deutschen oft gemacht werden. So sagt man z.B., der Deutsche sei
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von Regeln und Vorschriften beherrscht
“
,
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er sei stur
“
, ein
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Ordnungsfanatiker
“
. Man kann sich leicht vorstellen, dass ein solches Verhalten als Beweis für den autorit
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ren Charakter der Deutschen gewertet wird. Aber der Ursprung dieses Verhaltens ist ein anderer.
Der bekannte niederl
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ndische Soziologe und Fachmann für interkulturelle Fragen Geert Hofstede hat einen Begriff eingeführt, der hier weiterhelfen kann: die
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Unsicherheitsvermeidung
“
. Diese geh
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rt zu einer Reihe von anderen
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kulturellen Dimensionen
“
, die im Rahmen eines weltweiten Forschungsprojekts statistisch erfasst wurden und mit deren Hilfe Kulturen charakterisiert und verglichen werden k
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nnen. Hofstede belegt, dass Kulturen auf die Bedrohung durch ungewisse oder unbekannte Situationen unterschiedlich reagieren und zeigt die Vielfalt von M
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glichkeiten, wie Gesellschaften mit Unsicherheit umgehen. Gefühle der Ungewissheit sind nicht nur ein pers
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nliches Ph
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nomen, sondern bilden ein kollektives Verhaltensmuster, das in der Familie, Schule und im Berufsleben etc. erlernt und weitergegeben wird.
Anders als z.B. in Gro
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britannien ist in Deutschland eine relativ starke Unsicherheitsvermeidung zu beobachten. So st
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t man in Deutschland überall auf Regeln, Vorschriften, Planungen, Systeme oder Gesetze, die dazu geschaffen wurden, um alle Eventualit
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ten des Lebens, klarer und berechenbarer zu machen. Deutschland hat z.B. Gesetze für den Fall, dass alle anderen Gesetze nicht mehr durchsetzbar sind (Notstandsgesetze), w
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hrend es in Gro
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britannien nicht einmal eine schriftliche Verfassung gibt. Die Deutschen geben sich nicht damit zufrieden, die Zukunft zu planen, sondern sie verlangen auch
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Planungssicherheit
“
. Es überrascht also nicht, dass in einer solchen Kultur der Begriff der Ordnung eine zentrale Bedeutung besitzt. Ob es nun eine Hausordnung ist oder die gedankliche Ordnung in den gro
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en theoretischen Systemen der berühmten deutschen Philosophen, immer geht es darum, Regelhaftigkeit und Berechenbarkeit und damit Sicherheit zu schaffen.
In Hofstedes Interpretation ist also vieles von dem, was an Deutschen und in Deutschland beobachtet werden kann, weniger aus einer Vorliebe für Autorit
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t, sondern durch die Unsicherheitsvermeidung zu erkl
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ren.